Marktkommunikation6 Min. Lesezeitvon Bluu Energy

EDIFACT in der Energiewirtschaft erklärt

Hinter Kürzeln wie UTILMD und MSCONS steckt das Rückgrat der Marktkommunikation: EDIFACT. Jeder Lieferantenwechsel, jeder Zählerstand und jede Netznutzungsrechnung im deutschen Energiemarkt läuft als EDIFACT-Nachricht zwischen den Marktpartnern. Dieser Beitrag erklärt, wie die Nachrichten aufgebaut sind, welcher Typ wofür zuständig ist und was sich mit AS4 und den Halbjahres-Releases ändert.

Was ist EDIFACT?

EDIFACT (Electronic Data Interchange for Administration, Commerce and Transport) ist ein internationaler UN-Standard für den elektronischen Datenaustausch zwischen Unternehmen. Die deutsche Energiewirtschaft nutzt davon ein branchenspezifisches Subset: EDI@Energy. Die zugehörigen Dokumente werden über edi-energy.de veröffentlicht und im Verfahren der Bundesnetzagentur (Beschlusskammer 6) konsultiert und festgelegt.

Pro Nachrichtentyp existieren zwei zentrale Dokumentarten: die Nachrichtenbeschreibung (MIG, Message Implementation Guide) definiert die technische Struktur, das Anwendungshandbuch (AHB) legt fest, welche Felder in welchem Geschäftsvorfall gefüllt sein müssen. Ergänzt werden sie durch die Entscheidungsbaum-Diagramme (EBD), die die Prüflogik des Empfängers beschreiben.

So ist eine EDIFACT-Nachricht aufgebaut

Eine EDIFACT-Datei besteht aus Segmenten: dreistellige Kennungen, gefolgt von Datenelementen mit Trennzeichen. Schematisch sieht eine Übertragungsdatei so aus:

UNB  Übertragungsdatei-Kopf (Absender-MP-ID, Empfänger-MP-ID, Zeitstempel)
 UNH  Nachrichtenkopf (Nachrichtentyp + Formatversion)
  BGM  Dokumentenart und Referenznummer
  DTM  Zeitangaben (Gültigkeit, Stichtage)
  NAD  Beteiligte Marktpartner (Rollen, Codenummern)
  LOC  Lokation (z. B. MaLo-ID oder MeLo-ID)
  ...  Nutzdaten je nach Nachrichtentyp (Mengen, Stammdaten, Codes)
 UNT  Nachrichtenende mit Segmentzähler
UNZ  Dateiende

Welche Segmente in einem konkreten Geschäftsvorfall zulässig und Pflicht sind, steuert der Prüfidentifikator: eine fünfstellige Kennung, die den Anwendungsfall eindeutig macht, etwa die Anmeldung zur Netznutzung im Unterschied zur Stammdatenänderung. Der Empfänger prüft die Nachricht exakt gegen diese Vorgaben.

Die wichtigsten Nachrichtentypen

NachrichtInhaltTypischer Prozessbezug
UTILMDStammdaten und Wechselprozesse (seit 10/2023 getrennt für Strom und Gas)GPKE, GeLi Gas, MaBiS
MSCONSZählerstände, Lastgänge, EnergiemengenMesswertübermittlung, MaBiS
ORDERS / ORDRSPBestellung bzw. Bestellantwort, auch Anforderung von MesswertenWiM, Datenanfragen
IFTSTAStatusmeldungen zu laufenden VorgängenWiM, Gerätewechsel
INVOICRechnungen (Netznutzung, Messstellenbetrieb, Mehr-/Mindermengen)Abrechnung
REMADVZahlungsavis zur RechnungAbrechnung
COMDISFachlicher Widerspruch zu einer RechnungRechnungsclearing
CONTRLSyntaxprüfung: Bestätigung oder Ablehnung auf technischer Ebenealle Prozesse
APERAKFachliche Quittung: Ablehnung bei Verstößen gegen das AHBalle Prozesse

Für die Praxis heißt das: Wer eine Marktrolle betreibt, braucht nie alle Typen gleichzeitig, aber immer ein sauberes Zusammenspiel. Eine UTILMD ohne korrekte Stammdaten produziert Ablehnungen, eine MSCONS ohne fristgerechte Werte Ersatzwerte und Korrekturen.

Prozessbezug: GPKE, GeLi Gas, WiM und MaBiS

EDIFACT-Nachrichten stehen nie für sich, sie sind Bausteine festgelegter Prozess-Choreografien. Die GPKE regelt die Lieferantenwechsel- und Stammdatenprozesse Strom, seit dem 6. Juni 2025 mit dem Lieferantenwechsel in 24 Stunden (LFW24). Für Gas gilt GeLi Gas, seit dem 1. April 2026 in der Fassung GeLi Gas 2.0. Die WiM ordnet die Wechselprozesse im Messwesen, die MaBiS die Bilanzkreisabrechnung Strom.

Jede dieser Festlegungen definiert, welche Nachricht wann von welcher Marktrolle mit welcher Frist zu senden ist. Wer Fehlerbilder analysiert, muss deshalb immer beides betrachten: das Format (MIG/AHB) und den Prozessschritt, in dem die Nachricht steht.

Formatversionen im Halbjahrestakt

Die EDI@Energy-Formate sind nicht statisch. Änderungen kommen in Releases zum 1. April und 1. Oktober, jeweils mit Stichtag: Ab dem Formatwechsel gilt die neue Version, Nachrichten im Altformat werden abgelehnt. Das nächste große Release zum 1. Oktober 2026 ist final beschlossen (BNetzA-Mitteilung Nr. 56) und bringt unter anderem EBD 4.3, das AS4-Profil 1.2 und einen Formatwechsel über mehrere Nachrichtentypen.

Für IT-Leiter bedeutet der Halbjahrestakt eine Daueraufgabe: Releasekalender pflegen, Mappings anpassen, Regressionstests fahren und die ersten Tage nach dem Stichtag eng monitoren. Die meisten Ablehnungswellen entstehen genau an diesen Übergängen.

EDIFACT und AS4: Inhalt und Transportweg

AS4 ersetzt nicht EDIFACT, sondern den Übertragungsweg. Seit April 2024 (Strom) bzw. April 2025 (Gas) ist AS4 der verpflichtende Transportkanal und löst den E-Mail-Versand ab: verschlüsselte, signierte Übertragung mit technischer Empfangsquittung. Der Inhalt der Übertragung bleibt eine EDIFACT-Nachricht nach EDI@Energy. Wie der Umstieg funktioniert und was perspektivisch auf API-basierte Formate folgt, beschreibt der Beitrag Von EDIFACT zu AS4.

Warum Genauigkeit zählt

Die Prüfkette ist mehrstufig: Auf Transportebene quittiert AS4 den Empfang, die CONTRL bestätigt oder verwirft die Syntax, die APERAK meldet Verstöße gegen das Anwendungshandbuch. Erst danach folgt die fachliche Antwort im Prozess. Jede Ablehnung erzeugt einen Klärfall mit manueller Nacharbeit; welche Fehlerbilder dabei dominieren, zeigt der Beitrag zu APERAK-Fehlern und typischen Clearingfällen.

Häufige Fragen

EDIFACT ist ein internationaler UN-Standard für elektronischen Datenaustausch. Die deutsche Energiewirtschaft nutzt das Subset EDI@Energy, dessen Formate im Verfahren der Bundesnetzagentur festgelegt und über edi-energy.de veröffentlicht werden.
Die wichtigsten sind UTILMD (Stammdaten und Wechselprozesse), MSCONS (Messwerte), ORDERS/ORDRSP (Bestellungen), INVOIC und REMADV (Abrechnung) sowie CONTRL und APERAK als Quittungen auf Syntax- und Anwendungsebene.
Nein. AS4 ist seit April 2024 (Strom) bzw. April 2025 (Gas) der verpflichtende Transportweg und löst den E-Mail-Versand ab. Transportiert werden weiterhin EDIFACT-Nachrichten nach EDI@Energy.
Im Halbjahrestakt, jeweils zum 1. April und 1. Oktober. Zum Stichtag gilt die neue Formatversion verbindlich; das Release zum 1. Oktober 2026 bringt unter anderem EBD 4.3 und das AS4-Profil 1.2.

Das Wichtigste in Kürze

  • EDIFACT ist der UN-Standard hinter der Marktkommunikation; das deutsche Subset heißt EDI@Energy und wird von der Bundesnetzagentur festgelegt.
  • Nachrichten bestehen aus Segmenten (UNB/UNH bis UNT/UNZ); der Prüfidentifikator bestimmt den konkreten Anwendungsfall.
  • UTILMD trägt Stammdaten und Wechselprozesse, MSCONS Messwerte, INVOIC/REMADV die Abrechnung, CONTRL und APERAK die Quittungen.
  • Formate ändern sich im Halbjahrestakt (April/Oktober); zum 1. Oktober 2026 kommen EBD 4.3 und AS4-Profil 1.2.
  • AS4 ersetzt nur den Transportweg (Pflicht: Strom seit 04/2024, Gas seit 04/2025), der Inhalt bleibt EDIFACT.

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