Fahrpläne sind der Plan, nach dem Energie zwischen Bilanzkreisen fließt: viertelstundenscharf, fristgebunden, mit direktem Geldbezug. Dieser Beitrag erklärt, wie die Fahrplananmeldung beim ÜNB abläuft, welche Fristen nach der aktuellen Prozessbeschreibung Fahrplananmeldung in Deutschland (Version 4.6, anzuwenden seit dem 01.04.2025) gelten und warum schlechte Fahrpläne über die Ausgleichsenergie teuer werden. Stand: September 2026.
Was ein Fahrplan ist
Ein Fahrplan beschreibt, welche Leistung in jeder Viertelstunde eines Tages von einem Bilanzkreis an einen anderen übergeben wird, angemeldet beim Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB), in dessen Regelzone der Bilanzkreis geführt wird. An einem regulären Kalendertag umfasst eine Zeitreihe 96 Viertelstundenwerte; an den Tagen der Zeitumstellung sind es 92 beziehungsweise 100 Werte. Übermittelt werden die Fahrplandaten als XML-Schedule-Message. Im deutschen Fahrplanmanagement werden dabei das Format ENTSO-E ESS 2.3 sowie alternativ CIM nach IEC 62325-451-2 unterstützt. Für den Datenaustausch ist AS4 der Hauptkommunikationsweg; E-Mail ist ausschließlich für die Notfallkommunikation bei technischen Störungen vorgesehen.
Fahrpläne bilden die geplanten Energieflüsse aus Handelsgeschäften, Lieferbeziehungen und regelzonenüberschreitenden Austauschbeziehungen ab. Ein abgeschlossenes Handelsgeschäft allein führt jedoch noch nicht zu einer korrekten Fahrplanabbildung. Entscheidend ist, dass die zugehörigen Zeitreihen innerhalb der jeweils geltenden Fristen korrekt angemeldet, verarbeitet und abgestimmt werden. Je nach Prozessphase sind dabei auch Intraday- sowie nachträgliche Fahrplanänderungen möglich.
Die Verantwortung des BKV
Zuständig ist der Bilanzkreisverantwortliche (BKV). Er hat mit dem ÜNB einen Bilanzkreisvertrag geschlossen und schuldet daraus eine ausgeglichene Viertelstunden-Leistungsbilanz: Einspeisungen plus Bezüge müssen in jeder Viertelstunde den Entnahmen plus Lieferungen entsprechen. Die Fahrplananmeldung ist das Instrument, mit dem der BKV diese Bilanz gegenüber dem ÜNB dokumentiert. Wie sich BKV und Bilanzkoordinator (BIKO) die Aufgaben teilen, erklärt der Beitrag BKV und BIKO.
Wichtig: Der angemeldete Fahrplan zweier Bilanzkreise muss spiegelbildlich zusammenpassen. Meldet der eine BKV eine Lieferung von 10 MW an, muss der Gegen-Bilanzkreis denselben Wert als Bezug anmelden. Die ÜNB gleichen beide Seiten automatisch ab und melden Differenzen zurück.
Zur Abgrenzung: Die Entnahmen der Endkunden gelangen nicht per Fahrplan in die Bilanz, sondern über die Allokation der Netzbetreiber nach MaBiS, also über Standardlastprofile und gemessene Lastgänge. Der Fahrplan deckt die Handels- und Beschaffungsseite ab; beide Seiten zusammen müssen die Viertelstundenbilanz schließen.
Der Ablauf: Day-Ahead und Intraday
| Phase | Zeitfenster | Was passiert |
|---|---|---|
| Day-Ahead | bis 14:30 Uhr am Vortag | Gate Closure für die vollständige Day-Ahead-Fahrplananmeldung des Folgetages. |
| Day-Ahead-Matching | 14:30 bis 15:30 Uhr | Die ÜNB gleichen die Zeitreihen zwischen den deutschen Regelzonen ab. Erkannte Unstimmigkeiten müssen im Korrekturzyklus bis 15:30 Uhr (Day-Ahead-COT) korrigiert werden. |
| Annahme ohne Abstimmung | 15:30 bis 16:00 Uhr | Formal korrekte Änderungen zum Folgetag nimmt der ÜNB weiterhin entgegen und prüft sie formal; eine weitere Day-Ahead-Abstimmung findet in dieser Phase nicht statt. |
| Intraday (innerdeutsch) | in der Regel ab 16:00 Uhr am Vortag | Der automatisierte, viertelstündlich laufende Intraday-Abstimmungsprozess startet. Für regelzonenüberschreitende innerdeutsche Zeitreihen gilt ein Vorlauf von 15 Minuten zur betroffenen Viertelstunde (GCT und COT). Die ÜNB können den Start in Ausnahmefällen auf später verschieben. |
| Nachträgliche Fahrplanänderung | nach der jeweiligen Intraday-COT | Nur für regelzoneninterne Zeitreihen, bis zu den im Bilanzkreisvertrag genannten Fristen. Danach ist der beim ÜNB geführte Stand Grundlage der Bilanzkreisabrechnung. |
Der Intraday-Start um 16:00 Uhr ist neu: Bis zur Prozessbeschreibung 4.5 lag er bei 18:00 Uhr, die Version 4.6 hat ihn vorgezogen, dokumentiert in der Änderungshistorie des Dokuments. Wer die Fristenkette noch auf den alten Wert eingestellt hat, verschenkt zwei Stunden. An den Auslandsgrenzen gelten weiterhin eigene Regeln: Dort startet der Intraday-Prozess erst um 18:00 Uhr, und die Vorlaufzeiten sind länger, etwa 45 Minuten zu den Niederlanden und 60 Minuten nach Tschechien, weil die Kapazitätsreservierung mitläuft.
Die Kommunikation ist quittungsbasiert: Auf jede Anmeldung folgt eine technische Empfangsbestätigung (Acknowledgement), bei Unstimmigkeiten zwischen den Anmeldungen beider Seiten ein Anomaly-Report, und zu definierten Zeitpunkten ein Confirmation-Report, der den beim ÜNB geführten Stand bestätigt. Wer diese Rückmeldungen nicht systematisch auswertet, bemerkt Differenzen erst, wenn sie Geld gekostet haben.
Vom Handelsgeschäft zum Fahrplan
- Prognose Absatz- und Erzeugungsprognose je Viertelstunde als Mengengerüst des Liefertages.
- Beschaffung Handelsgeschäfte schließen die Lücke zwischen Prognose und vorhandener Position.
- Fahrplanerstellung Alle Geschäfte und Lieferbeziehungen werden zu Fahrplanzeitreihen je Gegen-Bilanzkreis aggregiert.
- Anmeldung Übermittlung der vollständigen Day-Ahead-Fahrplananmeldung bis 14:30 Uhr am Vortag als XML-Schedule-Message im Format ESS 2.3 oder CIM nach IEC 62325-451-2.
- Abgleich Acknowledgement prüfen, Anomalien bis 15:30 Uhr klären, Bestätigung überwachen.
- Intraday-Anpassung Bei Prognose- oder Positionsänderungen wird nachgehandelt und der Fahrplan innerhalb der jeweils geltenden Gate-Closure-Zeiten aktualisiert. Für regelzonenüberschreitende innerdeutsche Fahrplanänderungen gilt ein Vorlauf von 15 Minuten zur betroffenen Viertelstunde; an Auslandsgrenzen gelten abweichende Fristen.
Der Geldbezug: Ausgleichsenergie
Nach dem Liefertag stellt der ÜNB als Bilanzkoordinator die tatsächlichen Ein- und Ausspeisungen des Bilanzkreises den angemeldeten Fahrplänen und Allokationen gegenüber. Die Differenz jeder Viertelstunde ist Ausgleichsenergie und wird mit dem regelzonenübergreifend einheitlichen Bilanzausgleichsenergiepreis (reBAP) abgerechnet. Der reBAP schwankt stark und kann in angespannten Viertelstunden extreme Werte erreichen, in beide Richtungen.
Damit ist das Fahrplanmanagement kein Formalprozess, sondern Risikomanagement: Jede systematische Prognoseabweichung und jeder verpasste Intraday-Eingriff landet als Ausgleichsenergieposition in der monatlichen Bilanzkreisabrechnung. Die Bewirtschaftung insgesamt beleuchtet der Beitrag Bilanzkreismanagement.
Praxis: Automatisierung und Überwachung
In der Praxis läuft Fahrplanmanagement in spezialisierten Systemen, etwa im Portfoliomodul von BelVis: Geschäfte werden automatisch zu Fahrplänen aggregiert, fristgerecht versendet und die ÜNB-Rückmeldungen maschinell abgeglichen. Entscheidend sind drei Dinge: eine überwachte Fristenkette mit Alarmierung vor 14:30 Uhr und vor dem Intraday-Start um 16:00 Uhr, ein automatischer Abgleich von Anomaly- und Confirmation-Reports gegen den eigenen Datenbestand und ein geübter Notfallprozess für den Ausfall der AS4-Strecke.
Der Notfallweg ist seit dem AS4-Umstieg im Herbst 2024 klar geregelt und wird zum 01.10.2026 mit Version 2.3 der Regelungen zum sicheren Austausch im Fahrplanprozess und einem Umsetzungsleitfaden Notfallkommunikation weiter präzisiert: Bei einer Störung auf seiner Seite fragt der BKV die E-Mail-Notfallkommunikation telefonisch beim ÜNB an, unter der in Anlage 2 des Bilanzkreisvertrags hinterlegten Nummer; stört es beim ÜNB, aktiviert dieser den Notfallweg per signierter E-Mail an alle BKV. AS4 bleibt währenddessen nutzbar. Wer den Ablauf einmal geübt hat, verliert am Störungstag keine Viertelstunde.
Ein Fahrplan ist ein Zahlungsversprechen im Viertelstundenraster: Wer ihn ungenau plant oder unbeobachtet lässt, kauft Ausgleichsenergie zu Preisen, die er nicht kontrolliert.
Häufige Fragen
Das Wichtigste in Kürze
- Fahrpläne beschreiben geplante Energieflüsse zwischen Bilanzkreisen im Viertelstundenraster. Ein regulärer Kalendertag umfasst 96 Werte je Zeitreihe, an Zeitumstellungstagen 92 beziehungsweise 100. Übermittelt wird als XML-Schedule-Message im Format ESS 2.3 oder CIM nach IEC 62325-451-2, über AS4 als Hauptkommunikationsweg.
- Der BKV schuldet aus dem Bilanzkreisvertrag eine ausgeglichene Viertelstunden-Leistungsbilanz; Anmeldungen beider Seiten müssen spiegelbildlich zusammenpassen.
- Fristen: Day-Ahead-Gate-Closure um 14:30 Uhr am Vortag, Day-Ahead-Korrekturzyklus bis 15:30 Uhr, Intraday-Start innerdeutsch in der Regel um 16:00 Uhr (bis Version 4.5: 18:00 Uhr). Für regelzonenüberschreitende innerdeutsche Änderungen gilt ein Vorlauf von 15 Minuten zur Viertelstunde, an Auslandsgrenzen mehr.
- Nachträgliche Fahrplanänderungen gibt es nur für regelzoneninterne Zeitreihen, im Rahmen der Fristen des Bilanzkreisvertrags.
- Abweichungen zwischen Ist und Fahrplan werden als Ausgleichsenergie zum volatilen reBAP abgerechnet. Stabil wird der Prozess durch Automatisierung, maschinellen Abgleich der ÜNB-Rückmeldungen und einen geübten Notfallweg für die AS4-Strecke.