Solange an einem Hausanschluss ein Bezugszähler hängt, braucht niemand ein Messkonzept. Sobald PV-Anlage, Speicher, Wärmepumpe, Wallbox oder Mieterstrom dazukommen, stellt sich die Frage: Welche Zähler stehen wo, und wie werden aus ihren Werten die Mengen für Abrechnung, Vergütung und Bilanzierung ermittelt? Genau diese Antwort ist das Messkonzept, und SAP IS-U bildet es nicht mit einem eigenen Objekt ab, sondern mit einer Kombination aus Anlagen, Geräteinfosätzen, Zählpunktbeziehungen und Formelprofilen. Dieser Beitrag erklärt beides: den fachlichen Rahmen und die Systemseite. Stand: September 2026.
Warum es kein Messkonzept „nach Gesetz" gibt
Ein Messkonzept ist ein Schaltbild plus eine Rechenregel: Welche Messeinrichtungen sitzen an welchen Stellen des Anschlusses, und wie ergibt sich daraus zum Beispiel der Eigenverbrauch einer PV-Anlage als Erzeugung minus Einspeisung. Was viele überrascht: Weder EEG noch KWKG noch EnWG definieren Messkonzepte. Der Anlagenbetreiber wählt, der Netzbetreiber prüft gegen seine Technischen Anschlussbedingungen. Die Folge ist ein Flickenteppich: Jeder Netzbetreiber pflegt seinen eigenen Katalog, teils mit Buchstaben, teils mit Nummern, und baut ihn laufend um. Eine Übersetzungstabelle zwischen den Katalogen gibt es nicht.
Gesetzlich geregelt ist dagegen der Messstellenbetrieb. Das Messstellenbetriebsgesetz macht den Messstellenbetreiber zur eigenen Marktrolle und unterscheidet die Geräteklassen moderne Messeinrichtung (mME, digital, sendet nicht) und intelligentes Messsystem (iMSys, mit Smart-Meter-Gateway, sendet). Welche Klasse verbaut ist, entscheidet später mit, wie das Messkonzept im System aussieht. Den Unterschied erklärt der Beitrag iMSys vs. mME.
Das Lokationsmodell: MaLo und MeLo
Die Datenbasis jedes Messkonzepts ist das Lokationsmodell der Marktkommunikation, das seit dem 01.02.2018 den alten Zählpunkt ersetzt. Die Marktlokation (MaLo) ist der kaufmännisch-bilanzielle Ort von Verbrauch oder Erzeugung: Hier hängen Liefervertrag, Netznutzung und Bilanzkreis. Ihre ID ist elfstellig numerisch mit Prüfziffer und ändert sich nie, auch nicht beim Netzbetreiberwechsel. Die Messlokation (MeLo) ist der Ort der Messung samt Mess- und Kommunikationstechnik, identifiziert über die 33-stellige, mit „DE" beginnende Kennung. Die MaLo verwaltet der Netzbetreiber, die MeLo der Messstellenbetreiber.
Der Kern jedes Messkonzepts ist die Beziehung zwischen beiden:
| MaLo : MeLo | Konstellation | Typischer Fall |
|---|---|---|
| 1 : 1 | eine Marktlokation, eine Messlokation | Haushalt mit einem Bezugszähler |
| 1 : n | eine Marktlokation, mehrere Messlokationen | Haupt- und Untermessung, etwa Trafoverluste oder Hinterschaltung |
| n : 1 | mehrere Marktlokationen an einer Messlokation | Zweirichtungszähler: Bezugs- und Einspeise-MaLo an einem Gerät |
| 1 : 0 | eine Marktlokation, keine Messlokation | Pauschalanlage ohne Zähler |
Die Konstellation n : 1 erklärt, warum eine Überschusseinspeisung zwei MaLo-IDs an einem einzigen Zähler bekommt: Bezug und Einspeisung sind bilanziell zwei verschiedene Orte, gemessen wird aber an einem Punkt.
Eine Warnung zur Schreibweise: Die Notation „1 : n" trägt keine Achsenbeschriftung. Wir lesen sie hier durchgehend als MaLo : MeLo. In der Branche kursieren beide Leserichtungen, und in Unterlagen desselben Hauses stehen sie teils gegeneinander, ohne dass es dazugesagt wird. Wer die Richtung vertauscht, vertauscht Summenmessung und Zweirichtungszähler, zwei verschiedene Messkonzepte mit verschiedener Abrechnung. In Datenmodellen deshalb lieber zwei gezählte Felder als eine Notation, und in Texten die Konstellation ausschreiben: „eine Marktlokation zu mehreren Messlokationen" ist vier Wörter länger und nicht misszuverstehen.
Wie SAP IS-U das abbildet: die Doppel-Anlage
SAP hat für MaLo und MeLo keine neuen Objekte gebaut. Stattdessen werden Zählpunkt und Anlage verdoppelt: Eine MaLo-Anlage trägt die kaufmännische Seite (Vertrag, Lieferant, Bilanzierung, MSB-Vertrag, abrechnungsrelevante Zählwerke), eine MeLo-Anlage die Messtechnik. Dasselbe Gerät ist in beiden eingebaut, abrechnungsrelevant sind die Zählwerke aber nur in der MaLo-Anlage. Abgerechnet wird immer auf MaLo-Ebene. In Migrationsprojekten nach S/4HANA Utilities sieht man diese Trennung regelmäßig mit eigenem Namensschema für beide Anlagentypen.
Vier Werkzeuge reichen SAP, um daraus jedes Messkonzept zu bauen:
| Werkzeug | Aufgabe im Messkonzept |
|---|---|
| Geräteinfosatz (GIS) | Stellvertreter für Geräte, die eine andere Marktrolle verwaltet, oder virtuelles Gerät für berechnete Mengen wie Summen und Formeln |
| Zählpunktbeziehungen | kodieren, welche Messlokation für welche Marktlokation liefert, von 1 : 1 bis n : m |
| Profilköpfe und Formelprofile (EDM) | ein Profil je Lastgang an den Zählwerken; Formelprofile rechnen Kaskaden und Summen |
| Messinstanz mit TAF | die iMSys-Welt: Messinstanz mit Tarifanwendungsfall an der MaLo für die Abrechnung, ohne TAF an der MeLo |
Drei Muster, die immer wiederkommen
- Registrierende Leistungsmessung (RLM). Das echte Gerät steckt nur in der MeLo-Anlage; in der MaLo-Anlage trägt ein Geräteinfosatz die relevanten Zählwerke. Der Effekt ist praktisch: Ein Gerätewechsel berührt die MaLo nie, Vertrag und Abrechnung laufen unverändert weiter.
- Intelligentes Messsystem. Moderne Messeinrichtung und Smart-Meter-Gateway sind beide „nicht abrechnungsrelevant" eingebaut; die MaLo bekommt einen Geräteinfosatz mit virtuellen Zählwerken, die Konfiguration hängt an der Messinstanz.
- Fremdsicht. Ein Netzbetreiber ohne eigenen Messstellenbetrieb oder ein Lieferant sieht die Messtechnik nur über Geräteinfosätze; einen MSB-Vertrag gibt es in diesem System nicht.
Wo es im Bestand knirscht
Das klassische IS-U kennt keine Entität „Messkonzept". Es kennt Formelprofile, die rechnen, Zählpunktbeziehungen, die verknüpfen, und Tarife, die abrechnen. Das Messkonzept selbst existiert im Kopf der Beraterin und in einem PDF beim Netzbetreiber. Daraus folgen drei Dinge, die sich in Projekten regelmäßig zeigen. Erstens gibt es keine führende Instanz: Ändert sich das Konzept einer Anlage, muss an mehreren Stellen nachgezogen werden, und niemand prüft, ob sie zueinander passen. Zweitens ist es nicht auswertbar: Die Frage, wie viele Anlagen in Kaskade laufen, lässt sich ohne explizites Objekt nur über Umwege beantworten. Drittens wird die Migration gefährlich: Beim Umzug nach S/4HANA wandern Zählpunktbeziehungen, Profile und Abrechnungskonfiguration als getrennte Objekte. Wer sie nicht zusammendenkt, migriert eine zerrissene Logik, sauber im Einzelnen und falsch im Ganzen. Wie solche Fehler entstehen, zeigt der Beitrag Datenmigration: typische Stolperfallen.
Im klassischen IS-U existiert das Messkonzept nur im Kopf und im PDF. Im System existieren Profile, Beziehungen und Tarife, und keines davon weiß von den anderen.
SAPs Antwort auf dieses Problem ist die Messkonzeptverwaltung (MKV), eine Cloud-Komponente mit eigenem Messkonzept-Objekt. Was sie kann, was sie voraussetzt und warum die Bereinigung des Bestands davor kommt, steht im Beitrag Messkonzeptverwaltung (MKV) erklärt.
Das Wichtigste in Kürze
- Ein Messkonzept ist Schaltbild plus Rechenregel. Kein Gesetz definiert es; der Anlagenbetreiber wählt, der Netzbetreiber prüft gegen seine TAB, jeder mit eigenem Katalog.
- Datenbasis ist das Lokationsmodell seit 01.02.2018: MaLo (kaufmännisch, elfstellig, unveränderlich) und MeLo (Messung, 33-stellig ab „DE"). Die Kardinalitäten 1 : 1, 1 : n, n : 1 und 1 : 0 (gelesen als MaLo : MeLo) sind der Kern; Leserichtung immer dazusagen.
- SAP IS-U bildet das mit der Doppel-Anlage ab: MaLo-Anlage kaufmännisch, MeLo-Anlage messtechnisch, abgerechnet wird immer an der MaLo.
- Vier Werkzeuge reichen für jedes Konzept: Geräteinfosatz, Zählpunktbeziehungen, Formelprofile, Messinstanz mit TAF.
- Im Bestand fehlt die führende Instanz: Das Konzept verteilt sich auf Profile, Beziehungen und Tarife. Vor einer S/4HANA-Migration gehört es zusammengelesen und bereinigt.