Marktkommunikation6 Min. Lesezeitvon Bluu Team

AS4 Grundlagen: der neue Übertragungsweg

AS4 löst die E-Mail-basierte Übertragung der Marktkommunikation ab. Seit dem 01.04.2024 ist der Standard im Strommarkt der einzige zulässige Übertragungsweg, seit dem 01.04.2025 auch im Gas. Dieser Beitrag erklärt, was der Standard technisch ausmacht, wie eine Übertragung abläuft und worauf es im Betrieb ankommt. Stand: Juli 2026.

Warum die E-Mail ausgedient hat

Jahrzehntelang liefen UTILMD, MSCONS und die übrigen EDIFACT-Nachrichten als signierte und verschlüsselte E-Mail-Anhänge durch den Markt. Das funktionierte, hatte aber strukturelle Schwächen: keine garantierte Zustellung, keine standardisierte Empfangsbestätigung, Spam-Filter als unkalkulierbares Risiko und viel manuelle Nachverfolgung, wenn eine Nachricht ausblieb.

Mit Millionen von Nachrichten pro Tag und Prozessen wie dem 24-Stunden-Lieferantenwechsel, die auf verlässliche Laufzeiten angewiesen sind, war dieser Weg nicht mehr tragfähig. Die Bundesnetzagentur hat deshalb mit der Festlegung BK6-21-282 den Wechsel verbindlich gemacht: AS4 ab dem 01.10.2023, mit Übergangsfrist bis zum 01.04.2024; seither sind E-Mail und AS2 im Strommarkt unzulässig. Der Gasmarkt folgte zum 01.04.2025.

Was AS4 technisch ist

AS4 (Applicability Statement 4) ist ein offener OASIS-Standard, ein Konformitätsprofil des ebMS-3.0-Messaging-Standards. Vereinfacht: ein Webservice-Protokoll für den zuverlässigen, gesicherten Austausch von Geschäftsnachrichten zwischen zwei Systemen über HTTPS. Für die deutsche Energiewirtschaft ist der Standard im Dokument „Regelungen zum Übertragungsweg" samt BDEW-AS4-Profil konkretisiert; zum 01.10.2026 gelten Version 1.10 und AS4-Profil 1.2.

Wichtig zur Einordnung: AS4 transportiert, es ersetzt keine Inhalte. Die EDIFACT-Nachricht liegt als Payload im AS4-Umschlag, so wie sie vorher im E-Mail-Anhang lag. Fachliche Prüfungen, APERAK-Rückmeldungen und Formatversionen bleiben davon unberührt.

So läuft eine Übertragung ab

Sender (MSH)                                Empfänger (MSH)
   |  1. TLS-Verbindung, beidseitig authentifiziert
   |  2. AS4-Nachricht: signiert, verschlüsselt, komprimiert
   |     Payload: EDIFACT-Datei (z. B. UTILMD)
   |------------------------------------------------->|
   |                 3. Prüfung: Signatur, Zertifikat,
   |                    Duplikat (Message-ID)
   |<-------------------------------------------------|
   |  4. Receipt: signierte Empfangsbestätigung
   |  5. Keine Receipt? Automatischer Neuversand

Beide Seiten betreiben dafür einen Message Service Handler (MSH), also die AS4-Softwarekomponente. Bleibt die Quittung aus, wiederholt der Sender die Zustellung automatisch; über die eindeutige Message-ID erkennt der Empfänger Dubletten und verwirft sie. Genau diese Mechanik ersetzt das, was beim E-Mail-Weg Menschen erledigen mussten: nachfassen, prüfen, erneut senden.

Anders als beim Postfachprinzip der E-Mail kommunizieren die Systeme direkt miteinander. Jeder Marktpartner veröffentlicht dafür die Adresse seines AS4-Webdienstes; wer senden will, muss diese Adresse und die zugehörigen Zertifikate der Gegenseite kennen. Die Kommunikationsbeziehung wird also je Partnerpaar eingerichtet und gepflegt.

Die Sicherheitsarchitektur

AS4 in der Marktkommunikation nutzt Zertifikate aus der Smart-Meter-PKI, der vom BSI verantworteten Public-Key-Infrastruktur des intelligenten Messwesens. Die kryptographischen Anforderungen gibt das BSI vor. Je Marktpartner sind getrennte Zertifikatsfunktionen im Einsatz:

BausteinAufgabe
TLS-ZertifikatAbsicherung der Transportverbindung, beidseitige Authentifizierung
SignaturzertifikatNachweis von Absender und Unverändertheit der Nachricht
VerschlüsselungszertifikatInhaltsverschlüsselung, nur der Empfänger kann die Payload lesen
Signierte ReceiptNicht abstreitbarer Zustellnachweis für den Sender
Message-IDEindeutigkeit jeder Nachricht, Basis der Duplikaterkennung

Die Kehrseite dieser Architektur: Zertifikate haben begrenzte Laufzeiten und müssen rechtzeitig erneuert und bei allen Kommunikationspartnern bekannt gemacht werden. Ein abgelaufenes Zertifikat stoppt die Strecke sofort, und zwar für alle Nachrichten mit diesem Partner.

Was das im Betrieb bedeutet

Mit dem Umstieg ist die Marktkommunikation ein Stück Infrastrukturbetrieb geworden. Drei Themen entscheiden über die Stabilität:

  1. Zertifikatsmanagement. Laufzeiten überwachen, Wechsel mit Vorlauf planen, neue Zertifikate an alle Marktpartner verteilen. Der häufigste Grund für stehende Strecken ist kein Softwarefehler, sondern ein versäumter Zertifikatswechsel.
  2. Monitoring der Quittungen. Eine gesendete Nachricht ohne Receipt ist ein Vorfall, kein Rauschen. Wer Receipts, Neuversuche und Fehlerquoten je Marktpartner sichtbar macht, erkennt Störungen, bevor Fristen reißen.
  3. Onboarding neuer Marktpartner. Vor der ersten Nachricht müssen beide Seiten Adressdaten (die URL des AS4-Webdienstes) und Zertifikate austauschen und die Strecke testen. Das gehört als Standardprozess ins Betriebshandbuch, nicht als Einzelfall-Improvisation.

In SAP-IS-U-Landschaften übernimmt den MSH-Part typischerweise ein MaKo-Dienstleister oder eine dedizierte Kommunikationskomponente vor dem Backend. Die Verantwortung für Interoperabilität und Fristen bleibt trotzdem im eigenen Haus, ebenso das Nachziehen der Profilversionen im Rahmen der halbjährlichen Releases.

AS4 macht aus „Nachricht verschickt und gehofft" ein „Nachricht zugestellt und bewiesen". Genau dafür braucht es Betrieb statt Bastelei.

Häufige Fragen

Nein. AS4 regelt nur den Transport; die fachlichen Inhalte bleiben EDIFACT-Nachrichten wie UTILMD oder MSCONS. Der Wandel der Inhalte läuft separat über die halbjährlichen Formatreleases und perspektivisch über API-Webdienste.
Die Übertragung mit den betroffenen Partnern bricht ab: Signaturen werden abgelehnt, Verbindungen kommen nicht zustande. Deshalb gehören Zertifikatslaufzeiten in ein aktives Monitoring mit ausreichend Vorlauf für Erneuerung und Verteilung.
Nicht im üblichen Sinn. AS4 ist ein standardisiertes Messaging-Protokoll für Dateiaustausch mit Zustellgarantie. Die API-Webdienste der Marktkommunikation (etwa der MaLo-ID-Service) sind ein eigener, zusätzlicher Baustein des künftigen Zielbilds.
Ja, viele Marktteilnehmer nutzen MaKo-Dienstleister für MSH-Betrieb und Zertifikatshandling. Die regulatorische Verantwortung für fristgerechte, interoperable Marktkommunikation bleibt aber beim Marktpartner selbst.

Das Wichtigste in Kürze

  • AS4 ist ein webservice-basierter OASIS-Standard (ebMS-3.0-Profil) und ersetzt die E-Mail-Übertragung der Marktkommunikation.
  • Verbindlich per Festlegung BK6-21-282: Strom seit 01.04.2024, Gas seit 01.04.2025; E-Mail und AS2 sind unzulässig.
  • Kernmechanik: signierte, verschlüsselte Nachrichten über TLS, signierte Empfangsquittungen, automatischer Neuversand, Duplikaterkennung per Message-ID.
  • Zertifikate stammen aus der Smart-Meter-PKI; Laufzeitüberwachung und Verteilung sind die kritischsten Betriebsaufgaben.
  • Die EDIFACT-Inhalte bleiben unverändert; zum 01.10.2026 gelten Übertragungsweg 1.10 und AS4-Profil 1.2.

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