Der MaBiS-Hub ist die geplante zentrale Plattform der Übertragungsnetzbetreiber, die Messwerte künftig zentral entgegennimmt, pseudonymisiert verarbeitet und die Bilanzkreisabrechnung Strom bündelt. Die heutige Aggregation durch rund 850 Verteilnetzbetreiber entfällt damit perspektivisch. Dieser Beitrag ordnet das Festlegungsverfahren BK6-24-210 ein, benennt den diskutierten Zeitplan ehrlich und zeigt, was der Umbau konkret für EDM-Systeme wie SAP IS-U EDM, BelVis oder Robotron bedeutet.
Stand: Juli 2026. Die finale Festlegung der Bundesnetzagentur steht noch aus. Alle Zeitangaben in diesem Beitrag sind Verfahrensstand, keine beschlossene Regelung.
Warum die dezentrale Aggregation ein Auslaufmodell ist
Die MaBiS, also die Marktregeln für die Durchführung der Bilanzkreisabrechnung Strom, funktioniert heute dezentral: Jeder Verteilnetzbetreiber aggregiert in seinem Netzgebiet die Messwerte zu Bilanzkreissummenzeitreihen (BKSZR) und meldet sie an den Übertragungsnetzbetreiber, der als Bilanzkoordinator (BIKO) die Bilanzkreise abrechnet. Abweichungen werden über Deltazeitreihen geklärt, Korrekturen laufen über mehrere Stufen bis zur 3-Jahres-Frist. Die Grundlagen erklären die Beiträge MaBiS einfach erklärt und Bilanzkreis einfach erklärt.
Das Modell hat einen strukturellen Preis: Rund 850 Verteilnetzbetreiber aggregieren mit heterogener Datenqualität, das Clearing läuft bilateral zwischen vielen Parteien, und Lieferanten wie Bilanzkreisverantwortliche können die gemeldeten Summenzeitreihen kaum plausibilisieren – sie sehen das Aggregat, nicht die Basis. Dazu kommt ein Datenschutzproblem, das der Bundesbeauftragte für den Datenschutz deutlich benannt hat: Heute können rund 3.000 Unternehmen Messwerte personenbeziehbar verknüpfen. Genau an diesen beiden Punkten setzt die Bundesnetzagentur an.
Das Verfahren BK6-24-210: zwei Blöcke, ein Zielbild
Im Oktober 2024 hat die Beschlusskammer 6 das Festlegungsverfahren BK6-24-210 eröffnet, aufgeteilt in zwei Blöcke: BK6-24-210-1 „Messwertverarbeitung und Pseudonymisierung" und BK6-24-210-2 „Bilanzierung und Bilanzkreisabrechnung". Der Kern: Ein Konsortium der vier Übertragungsnetzbetreiber betreibt unter Aufsicht der Bundesnetzagentur eine zentrale Plattform, die Messwerte entgegennimmt, pseudonymisiert verarbeitet und die Bilanzkreisabrechnung zentral durchführt. Pseudonymisiert heißt konkret: Marktlokations-IDs werden durch numerische Codes ersetzt, sodass Messwerte nicht mehr breit personenbeziehbar kursieren.
Nach dem Konsultationsstand entstehen dafür neue Marktrollen. Diskutiert werden ein „Messwertverarbeiter (MV)" und ein „Bilanzierungs- und Aggregierungsverantwortlicher (BA)"; die Bezeichnungen können sich bis zur Festlegung noch ändern. Der Hub ist damit die erste echte zentrale Instanz in der deutschen Marktkommunikation. Der 24-Stunden-Lieferantenwechsel (live seit 06.06.2025, Festlegung BK6-22-024) war noch keine zentrale Plattform, sondern ein beschleunigtes Prozess- und API-Regime. Er hat aber die API-Grundlagen gelegt, auf denen der Hub aufsetzt. Seit dem 01.04.2026 gilt mit GeLi Gas 2.0 auch im Gas der 24-Stunden-Lieferantenwechsel; der Trend läuft spartenübergreifend. Die Bundesnetzagentur denkt laut BBH-Einordnung bereits weiter in Richtung einer „effizienten MaKo-Landschaft ab 2032 unter Einsatz von Hub-Technologien". Der Hub ist der erste Schritt. Was Zentralisierung architektonisch bedeutet, vertieft der Beitrag zur Datendrehscheibe.
Der Zeithorizont – ehrlich gelesen
Die Konsultation zu Block 1 endete am 17.11.2025; die Festlegung zur Messwertverarbeitung strebt die Bundesnetzagentur für 2026 an; im Juli 2026 ist sie noch nicht ergangen. Für die Einführung wird im Verfahren ein gestaffeltes Einführungsszenario diskutiert (Stand Ende 2025); ursprünglich diskutierte 2028er-Starttermine haben sich im Verfahren nach hinten verschoben:
- Bis 01.07.2028: Systemanpassungen der Marktpartner.
- Bis Ende 2028: Vorbereitungen für den Plattformbetrieb.
- Ab 01.01.2029: Datenbefüllung des Hubs.
- Januar bis Juni 2029: Parallelbetrieb, anschließend Parallel-Regelbetrieb bis 30.09.2029.
- 01.10.2029: Produktivstart des MaBiS-Hubs.
- Spätestens 2030: vollständig pseudonymisierte Messwertverarbeitung.
Wichtig für die Planung: Das ist ein diskutiertes Einführungsszenario, keine beschlossene Regelung. Für die Konsultationsrunde im Oktober 2027 stehen laut BDEW-Forum-Agenda unter anderem das MaBiS-Hub-Einführungsszenario und die Umstellung von UTILTS auf API-Kommunikation auf der Liste; dort wird sich der Fahrplan weiter konkretisieren.
Was sich je Marktrolle ändert
Die folgende Gegenüberstellung ist eine fachliche Analyse auf Basis des Konsultationsstands, nicht der Wortlaut einer Festlegung:
| Marktrolle | Heute (dezentrale MaBiS) | Mit MaBiS-Hub (Analyse) |
|---|---|---|
| VNB | Aggregiert BKSZR im eigenen Netz, versendet an den BIKO, cleart Deltazeitreihen | Aggregations- und BKSZR-Rolle entfällt; primär Stammdaten- und Messwertlieferant. Kritisch: Das Ausgleichsenergierisiko über den Differenzbilanzkreis bleibt beim VNB, obwohl er die Summenzeitreihen nicht mehr selbst nachrechnen kann. VKU und EDNA fordern hier das Verursacherprinzip |
| LF / BKV | Clearing gegen bis zu ~850 Netzbetreiber, Aggregate kaum plausibilisierbar | Eine zentrale Gegenpartei, neues Clearing, neue Schnittstellen im Bilanzkreismanagement; grundsätzlich nur noch aggregierte Daten (Ausnahme: dynamische Tarife mit Kundeneinwilligung) |
| MSB | Messwerte an berechtigte Marktpartner nach heutigen Verteilregeln | Liefert auf Messlokations-Ebene direkt an den Hub; Anforderungen an Vollständigkeit und Fristen steigen spürbar |
| ÜNB | Bilanzkoordinator, rechnet auf Basis der VNB-Aggregate ab | Betreibt die Plattform im Vier-ÜNB-Konsortium unter BNetzA-Aufsicht |
Was das für SAP IS-U EDM, BelVis und Robotron heißt
Zunächst die Entwarnung: Der Hub ergänzt die EDM-Systeme, er ersetzt sie nicht. Netzverlustrechnung, Prognosen, Berichtswesen und die interne Messwertverwaltung bleiben lokale Aufgaben. Was im Zielbild entfällt, ist die Aggregationsstrecke: die Bildung der Bilanzkreissummenzeitreihen aus Lastgängen und Profilen, die zugehörigen Aggregationsläufe, der BKSZR-Versand an den BIKO, die Verarbeitung von Deltazeitreihen und die Clearingprozesse über die bis zu dreijährige Korrekturphase, gleich ob in SAP IS-U EDM, BelVis oder Robotron implementiert.
Zwei Verschiebungen sind dabei leicht zu übersehen. Erstens wandert nach Konsultationsstand auch die Ersatzwertbildung für die Bilanzierung und die Verrechnung von Mess- zu Marktlokation in den Hub. Diese Logik steckt heute tief in den EDM-Strecken. Zweitens kommen neue API-Schnittstellen Richtung Hub hinzu, und wer zuliefert statt zu aggregieren, wird an Vollständigkeit und Fristtreue gemessen. Der Aggregations-Layer wird zurückgebaut, der Datenbereitstellungs-Layer wird härter geprüft als je zuvor.
Der MaBiS-Hub verschiebt den Wettbewerbsfaktor im EDM: nicht mehr wer am besten aggregiert, sondern wer die sauberste Datenbasis liefert.
Was Sie heute tun sollten
- Verfahren beobachten, nicht vorpreschen. Kein Panik-Umbau vor der finalen Festlegung, aber die Konsultationen zu BK6-24-210 und die Oktober-2027-Runde aktiv verfolgen, damit Architekturentscheidungen auf aktuellem Stand fallen.
- Datenqualität jetzt heben. Vollständigkeit, Fristtreue und Stammdatenkonsistenz der Messwert- und Stammdatenstrecken werden zur Eintrittskarte in die Hub-Welt. Lücken, die heute im eigenen Clearing verschwinden, werden auf einer zentralen Plattform sichtbar.
- Anstehende EDM- und S/4HANA-Projekte hub-ready planen. Keine Investition mehr in dezentrale Aggregationslogik mit Nutzungshorizont über 2028 hinaus; Schnittstellen und Datenmodelle so schneiden, dass die spätere Hub-Anbindung ein Anbau ist, kein Umbau.
Das Wichtigste in Kürze
- Der MaBiS-Hub ist die geplante zentrale Plattform eines Vier-ÜNB-Konsortiums für Messwertverarbeitung und Bilanzkreisabrechnung Strom; die dezentrale Aggregation der ~850 VNB entfällt perspektivisch.
- Grundlage ist das BNetzA-Verfahren BK6-24-210 (Block 1: Messwertverarbeitung/Pseudonymisierung, Block 2: Bilanzierung/Bilanzkreisabrechnung); die finale Festlegung steht im Juli 2026 noch aus.
- Diskutiertes Einführungsszenario: Systemanpassungen bis 01.07.2028, Parallelbetrieb 2029, Produktivstart 01.10.2029, vollständige Pseudonymisierung spätestens 2030.
- Der Hub ergänzt EDM-Systeme, ersetzt sie nicht: Die Aggregations-/BKSZR-Rolle entfällt, Ersatzwertbildung und MeLo-MaLo-Verrechnung wandern in den Hub; Prognosen, Netzverluste und Berichtswesen bleiben lokal.
- Heute sinnvoll: Verfahren beobachten, Datenqualität der Messwert-/Stammdatenstrecken heben, neue EDM-/S/4HANA-Projekte hub-ready schneiden.