Wer für ein Migrationsprojekt „den Messkonzeptkatalog des Netzbetreibers" beschafft, hat ein öffentliches, offizielles, richtig aussehendes Dokument in der Hand. Und möglicherweise das falsche. Nicht die falsche Ausgabe, nicht den falschen Netzbetreiber: die falsche Dokumentgattung. Dieser Beitrag zeigt anhand zweier Befunde aus öffentlich zugänglichen Katalogen, warum das passiert, und nennt die eine Zahl, die man vor dem Beschaffen prüft. Stand: September 2026.
Befund 1: Die Kataloge sind weitgehend derselbe Katalog
Viele Netzbetreiber veröffentlichen ein Dokument mit dem Titel „771.20 VBEW-Messkonzepte". Herausgeber ist die Arbeitsgruppe Messkonzepte des VBEW, des Verbands der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft. Trotz des bayerischen Verbands im Namen veröffentlichen es auch Netzbetreiber in anderen Bundesländern unter eigenem Namen. Ein Vergleich zweier Fassungen, publiziert von zwei Netzbetreibern in zwei Bundesländern, ergibt 93 Prozent gemeinsamen Wortschatz. Die Unterschiede sind der eingesetzte Netzbetreibername, das Ausgabedatum und die inhaltliche Fortschreibung: Die Ausgabe 05.2024 kennt Kaskadenmessung und die Konzepte C1 und C2a, die Ausgabe 03.2024 noch nicht.
Das ist de facto ein Branchenstandard, kein Hausdokument. Für die Praxis ist das zunächst eine gute Nachricht: Wer den Katalog eines Netzbetreibers versteht, versteht die meisten. Sie hat aber eine Kehrseite, und die ist der zweite Befund.
Befund 2: Der Katalog kennt eine ganze Klasse von Messkonzepten nicht
Die Ausgabe 05.2024 führt 19 Konzepte von A1 bis E6 und kennt die Zählwerke Z1 bis Z4. Die Wörter Summenmessung, Abzugsmessung, Untermessung, Hinterschaltung und Trafoverluste kommen darin kein einziges Mal vor. Es ist ein Katalog für Erzeugungsanlagen am Hausanschluss: PV, BHKW, Speicher, Wärmepumpe, Ladeeinrichtung, Mieterstrom.
Dahinter stecken zwei völlig verschiedene Dokumentgattungen, die beide „Messkonzeptkatalog" heißen:
| Gattung | Beschreibt | Größenordnung |
|---|---|---|
| Verdrahtungskatalog (VBEW-Typ) | wie ein Zähler an einer Erzeugungsanlage verschaltet wird | ein bis vier Zählwerke |
| Aggregationskonzepte | wie viele reale Zählpunkte zu einer Abrechnungsgröße zusammengerechnet werden | im untersuchten Bestand bis zu 33 Zählpunkte an einer Marktlokation |
Der erste Katalog ist öffentlich und überall fast gleich. Der zweite ist der, um den es bei Industrie- und Kommunalkunden geht, und er steht in diesen Katalogen nicht. Die Aggregationskonzepte leben in den Formelprofilen und Zählpunktbeziehungen des Abrechnungssystems und in der Berechnungsformel, die der Netzbetreiber per UTILTS übermittelt. Wie beides im System zusammenhängt, erklärt der Beitrag Messkonzepte in SAP IS-U.
Warum dieser Fehler so teuer ist
Es ist der Fehlertyp, der sich richtig anfühlt. Man hat ein Dokument beschafft, es ist offiziell, es kommt vom Netzbetreiber, es heißt genau so, wie es heißen soll. Der Irrtum fällt erst in der Umsetzung auf, wenn die eigenen Konstrukte darin nicht vorkommen, und dann hilft es nicht, einen anderen Katalog zu holen: Der ist zu 93 Prozent derselbe.
In Migrationsprojekten zeigt sich das an einer typischen Vorgabe: „Klassifikation gegen den Katalog des Netzbetreibers und gegen die SAP-Referenzkonzepte." Der erste Teil dieser Vorgabe trägt für Aggregationskonzepte nicht, egal wie sorgfältig er ausgeführt wird. Wer das erst nach Wochen merkt, hat Klassifikationsregeln gegen ein Dokument gebaut, das den Bestand nicht beschreibt. Für Summen- und Abzugsmessungen ist das SAP-Referenzmodell das sinnvollere Ziel, denn migriert wird nach SAP, nicht in den Katalog. Was mit der Klassifikation danach passiert, beschreibt der Beitrag zur Messkonzeptverwaltung.
Es ist nicht die falsche Ausgabe. Es ist nicht der falsche Netzbetreiber. Es ist die falsche Gattung, und sie sieht genauso aus wie die richtige.
Die eine Zahl, die man vorher prüft
Bevor ein Messkonzeptkatalog beschafft oder als Klassifikationsziel festgelegt wird, braucht es eine einzige Kennzahl aus dem eigenen Bestand: Wie viele Zählpunkte hat das größte Konstrukt? Steht im Katalog keine Zahl in dieser Größenordnung, ist es der falsche Katalog, unabhängig davon, welcher Netzbetreiber ihn herausgegeben hat. Ein Katalog mit Z1 bis Z4 beschreibt keine Anlage mit 33 Zählpunkten. Das ist keine Kritik am Katalog. Er beantwortet eine andere Frage.
Zweite Prüfung: Kommen die Begriffe des eigenen Bestands im Katalog vor? Wer in den Bemerkungsspalten seines Altsystems „Summen-ZP", „Abzugsmessung" oder „Trafoverluste" liest, sucht diese Wörter im Katalog. Null Treffer heißt: andere Gattung. Diese beiden Prüfungen kosten eine Stunde und sparen die Wochen, in denen sonst gegen das falsche Dokument klassifiziert wird. Weitere Fehler dieser Art, die sich richtig anfühlen, sammelt der Beitrag Datenmigration: typische Stolperfallen.
Das Wichtigste in Kürze
- „771.20 VBEW-Messkonzepte" ist de facto ein Branchenstandard: Zwei Fassungen zweier Netzbetreiber aus zwei Bundesländern haben 93 Prozent gemeinsamen Wortschatz.
- Der Katalog beschreibt Erzeugungsanlagen am Hausanschluss mit ein bis vier Zählwerken. Summenmessung, Abzugsmessung, Untermessung, Hinterschaltung und Trafoverluste kommen kein einziges Mal vor.
- Zwei Dokumentgattungen tragen denselben Namen: Verdrahtungskatalog und Aggregationskonzepte. Industrie- und Kommunalkunden brauchen die zweite, und die steht nicht im Katalog.
- Vor dem Beschaffen eine Zahl prüfen: Wie viele Zählpunkte hat das größte Konstrukt im eigenen Bestand? Und: Kommen die eigenen Begriffe im Katalog vor?
- Für Aggregationskonzepte ist in Migrationsprojekten das SAP-Referenzmodell das tragfähigere Klassifikationsziel, nicht der Netzbetreiberkatalog.