Marktkommunikation (MaKo) bezeichnet den regulierten elektronischen Datenaustausch zwischen den Marktrollen der Energiewirtschaft: wer wem was wann in welchem Format melden muss. Ohne sie funktioniert kein Lieferantenwechsel, keine Messwertübermittlung und keine Bilanzierung. Dieser Überblick erklärt Rollen, Prozesswelten, Nachrichtentypen, den Übertragungsweg AS4 und den halbjährlichen Release-Takt.
Warum es Marktkommunikation gibt
Vor der Liberalisierung lag die gesamte Kette von der Erzeugung bis zur Rechnung in einer Hand. Heute sind Netz, Vertrieb und Messung entflochten; die Hintergründe erklärt der Beitrag zur Liberalisierung und zum Unbundling. Der Preis des Wettbewerbs: Schon ein einfacher Umzug oder Lieferantenwechsel betrifft mehrere Unternehmen gleichzeitig, die sich abstimmen müssen.
Damit das nicht über tausende bilaterale Absprachen läuft, legt die Bundesnetzagentur die Prozesse per Festlegung verbindlich fest, und der BDEW pflegt die zugehörigen Datenformate und Anwendungshilfen. Jede Nachricht, jede Frist und jeder Antwortcode ist standardisiert, deutschlandweit identisch für alle Marktteilnehmer.
Die Rollen und ihre Kennungen
Kommuniziert wird zwischen Marktrollen, nicht zwischen Firmen: Lieferant (LF), Verteilnetzbetreiber (VNB), Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB), Messstellenbetreiber (MSB), Bilanzkreisverantwortlicher (BKV) und Bilanzkoordinator (BIKO). Ein Überblick steht im Beitrag zu den Marktrollen der deutschen Energiewirtschaft, die Netzbetreiberrollen vertieft ÜNB und VNB im Überblick, das Bilanzkreisduo der Beitrag BKV und BIKO.
Damit Nachrichten eindeutig ankommen, hat jeder Teilnehmer eine Marktpartner-ID (MP-ID), jede Verbrauchs- oder Erzeugungsstelle eine MaLo-ID und jede Messeinrichtung eine MeLo-ID. Wie diese Kennungen zusammenhängen, erklärt der Beitrag MaLo-ID, MeLo-ID & MP-ID. Falsche oder inkonsistente IDs sind bis heute eine der häufigsten Fehlerursachen.
Die Prozesswelten
| Regelwerk | Sparte | Regelt |
|---|---|---|
| GPKE | Strom | Kundenprozesse: Lieferbeginn, Lieferende, Wechsel; seit 06.06.2025 als 24-Stunden-Lieferantenwechsel |
| GeLi Gas | Gas | die entsprechenden Kundenprozesse im Gasmarkt; seit 01.04.2026 als GeLi Gas 2.0 ebenfalls mit 24-Stunden-Wechsel |
| WiM | Strom/Gas | Wechselprozesse im Messwesen: MSB-Wechsel, Gerätewechsel, Messwertübermittlung |
| MaBiS | Strom | Bilanzkreisabrechnung: Deklaration, Aggregation zu Summenzeitreihen, Korrekturstufen |
| GaBi Gas | Gas | Bilanzierung im Gasmarkt |
| MPES | Strom | Marktprozesse für Einspeisestellen (Erzeugungsanlagen) |
Dazu kommen jüngere Prozessfamilien wie Redispatch 2.0 und die Steuerungsprozesse nach §14a EnWG. Den Sprung zum 24-Stunden-Lieferantenwechsel, der die Kundenprozesse seit 2025 prägt, beschreibt der Beitrag Der 24-Stunden-Lieferantenwechsel.
Die Nachrichtentypen
Ausgetauscht werden strukturierte Nachrichten nach dem internationalen EDIFACT-Standard, angepasst durch die deutschen EDI@Energy-Vorgaben. Die wichtigsten Typen:
- UTILMD: Stammdaten, An- und Abmeldungen; inzwischen mit eigenen Ausprägungen für Strom und Gas.
- MSCONS: Messwerte und Zeitreihen, vom Zählerstand bis zur Bilanzkreissummenzeitreihe.
- ORDERS/ORDRSP: Bestellungen und Antworten, etwa zur Anforderung von Messwerten.
- IFTSTA: Statusmeldungen zum Prozessfortschritt.
- INVOIC/REMADV: Netznutzungsabrechnung und Zahlungsavis.
- UTILTS: Berechnungsformeln, etwa für komplexe Messkonzepte.
- CONTRL/APERAK: technische Eingangsbestätigung und fachliche Quittung; gehäufte Ablehnungen analysiert der Beitrag APERAK-Fehler reduzieren.
Ein Lieferbeginn sieht schematisch so aus:
Anmeldung Lieferbeginn LF → NB UTILMD Eingangsbestätigung NB → LF CONTRL Fachliche Antwort NB → LF UTILMD (Bestätigung oder Ablehnung mit EBD-Code) Messwerte im Anschluss MSB → Berechtigte MSCONS Netznutzungsabrechnung NB → LF INVOIC / REMADV
Welche Antwort in welchem Fall zulässig ist, legen die Entscheidungsbaumdiagramme (EBD) fest: standardisierte Prüflogiken mit eindeutigen Antwortcodes, die jede Ablehnung nachvollziehbar machen.
Der Übertragungsweg: AS4
Jahrzehntelang liefen Marktnachrichten als signierte und verschlüsselte E-Mails. Damit ist Schluss: Seit dem 01.04.2024 ist AS4 im Strommarkt der verpflichtende Übertragungsweg, seit dem 01.04.2025 auch im Gasmarkt. AS4 ist ein Webservice-Protokoll mit garantierter Zustellung; Signatur und Verschlüsselung basieren auf Zertifikaten der Smart-Meter-PKI des BSI. Die Grundlagen erklärt AS4 Grundlagen: der neue Übertragungsweg, die Perspektive des Umstiegs der Beitrag Von EDIFACT zu AS4.
Wichtig zur Einordnung: AS4 ändert den Transport, nicht die Inhalte. Die EDIFACT-Nachrichten bleiben zunächst bestehen; erklärtes Zielbild der Bundesnetzagentur ist aber, sie schrittweise durch API-basierte Kommunikation abzulösen. Der 24-Stunden-Lieferantenwechsel läuft bereits heute über eine API-Strecke.
Der Release-Takt: zweimal im Jahr ändern sich die Regeln
Formate, EBDs und Prozessbeschreibungen werden im festen Halbjahrestakt fortgeschrieben, mit Stichtagen zum 1. April und 1. Oktober. Die Bundesnetzagentur kündigt jede Runde per Mitteilung an, die Dokumente erscheinen auf der BDEW-MaKo-Plattform (edi-energy). Für Versorger heißt das: zwei fest eingeplante Umstellungsprojekte pro Jahr, inklusive Tests mit den Marktpartnern.
Das nächste große Paket ist final beschlossen (BNetzA-Mitteilung Nr. 56): Zum 01.10.2026 kommen unter anderem die EBD 4.3, das AS4-Profil 1.2 und ein Formatwechsel. Was das konkret für SAP-Systeme bedeutet, zeigt der Beitrag MaKo-Release Oktober 2026. Wie grundlegend solche Umbauten ausfallen können, hat das Redesign der Marktkommunikation 2020 gezeigt.
Wohin sich die MaKo entwickelt
Die Richtung ist klar: mehr Zentralisierung, mehr APIs, kürzere Fristen. Prominentestes Vorhaben ist der MaBiS-Hub, eine geplante zentrale Bilanzierungsplattform der vier ÜNB (Verfahren BK6-24-210, diskutierter Produktivstart 01.10.2029, Festlegung offen, Stand: Juli 2026). Wer heute Systementscheidungen trifft, sollte diese Linie mitdenken.
Wer einen Lieferantenwechsel einmal end-to-end nachvollzieht, versteht die halbe Energiewirtschaft.
In der Praxis entscheidet weniger das Regelwerk als die Umsetzung: ein sauber konfiguriertes System (in SAP die IDE/IDEX-Schicht, siehe Marktkommunikation in SAP), ein Monitoring mit klaren Kennzahlen und vor allem konsistente Daten. Warum die meisten Klärfälle in den Stammdaten wurzeln, zeigt der Beitrag zur Stammdatenqualität in der Marktkommunikation.
Häufige Fragen
Das Wichtigste in Kürze
- Marktkommunikation ist der regulierte Datenaustausch zwischen den Marktrollen; Prozesse legt die Bundesnetzagentur fest, Formate pflegt der BDEW.
- Die Prozesswelten: GPKE und GeLi Gas (Kundenprozesse, seit 2025/2026 mit 24-Stunden-Lieferantenwechsel), WiM (Messwesen), MaBiS und GaBi Gas (Bilanzierung), MPES (Einspeiser).
- Nachrichten laufen als EDIFACT-Typen wie UTILMD, MSCONS, INVOIC und APERAK; Entscheidungsbaumdiagramme standardisieren die Antwortlogik.
- AS4 ist der Pflicht-Übertragungsweg (Strom seit 04/2024, Gas seit 04/2025); perspektivisch sollen APIs die EDIFACT-Nachrichten ablösen.
- Formate ändern sich im Halbjahrestakt (April/Oktober); zum 01.10.2026 kommen EBD 4.3, AS4-Profil 1.2 und ein Formatwechsel. Langfristig zentralisiert der MaBiS-Hub die Bilanzierung.